Kiezwissen kompakt: Waidmannslust in Bestform

Gegründet

1875 – vom Förster Ernst Bondick, der ein großes Waldstück für seinen Chef kaufen sollte, es kurzerhand aber selbst erwarb, ein Wirtshaus mitten hinein baute, ein Geweih über die Tür hängte – und das Ganze „Restaurant Waidmannslust“ nannte. Was als mutiger Alleingang begann, wurde zum Stadtteil mit Stil und Geschichte.

Besonderheit

Ohne Bahnhof kein Wachstum – das wusste auch Bondick. Also füllte er 1884 für die Verkehrszählung kurzerhand den Wald mit Freunden, um der Bahn Bedarf vorzugaukeln. Der Trick funktionierte: Die Züge hielten, der Ort wuchs. Bis heute gilt das als einer der charmantesten PR-Stunts der Berliner Stadtgeschichte.

Eingemeindung

1920 wurde Waidmannslust durch das Groß-Berlin-Gesetz offiziell Teil der Hauptstadt. Der Charakter blieb trotzdem eigenständig – und der Name sowieso.

Größe & Lage

2,3 Quadratkilometer, rund 11.400 Einwohner:innen (Stand 2024), gelegen zwischen Tegeler Fließ, Steinbergpark und dem benachbarten Hermsdorf. Viel Natur, viel Nachbarschaft – und eine direkte S-Bahn-Verbindung mitten ins Berliner Zentrum.

Charakter

Waidmannslust ist beides: Villenviertel und Familienkiez. Mitdenkender Traditionsort und grüne Lunge. Jugendstilfassaden und stattliche Villen prägen den Westen, im Osten trifft man auf Wohnbauten aus der Boomzeit der 70er. Alte Bäume ragen über moderne Balkone, historische Häuser stehen neben Kita-Neubauten – und mittendrin Menschen, die sich einbringen. Wer hier wohnt, wohnt nicht nur im Grünen – sondern mitten in der Geschichte eines Ortes, die gewachsen ist aus Visionen und dem Mut, einfach mal anzufangen.

Straßennamen

Viele Namen erzählen noch von der jagdlichen Gründungsidee: Dianastraße (Göttin der Jagd), Hubertusstraße (Schutzpatron der Jäger), Halaliweg (Jagdruf am Ende einer Treibjagd). Heute führen sie zum Supermarkt, zur Schule oder direkt ins Fließ – aber die Jäger-Gründer-Geschichte schwingt mit.

Diplomatie & Industrie

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde Waidmannslust zur diplomatischen Adresse: Französische Stadtkommandanten residierten hier, später ein Botschafter. Industriegeschichte wurde ebenfalls geschrieben – von Petroleumlampen bis hin zu Propellern fürs Wasserflugzeug DO-X. Viele Gebäude stehen heute unter Denkmalschutz: vom Bismarck-Haus bis zum Türmchen mit Aussicht.

Jüdisches Leben und Verfolgung

Zwischen 1933 und 1945 wurden jüdische Menschen in Waidmannslust entrechtet, ausgegrenzt und verfolgt. 1933 richtete die Jüdische Gemeinde nahe dem S-Bahnhof ein Umschulungslager (Haschara) ein, in dem junge Jüdinnen und Juden unter zunehmend repressiven Bedingungen in Handwerk und Gartenbau geschult wurden – oft als Vorbereitung auf eine Auswanderung. Der Fotograf Herbert Sonnenfeld dokumentierte diesen Ort für die CV-Zeitung (30.11.1933) und hielt so Alltag und Gemeinschaftsgeist in schwieriger Zeit fest (Jüdisches Museum Berlin).

Enteignung & Erinnerung

Ab Mitte der 1930er-Jahre setzte die systematische Enteignung jüdischen Eigentums ein. Häuser, Geschäfte und Grundstücke wechselten unter Zwang die Besitzer. Heute erinnern Stolpersteine – u. a. für Else und Siegfried Arian (Gutachstraße 14), Arthur Moritz Cohn (Waidmannsluster Damm 119) und die Familie Liebert (Dianastraße 40) – an Verdrängung, Deportation und Mord (Stolpersteine Berlin; Museum Reinickendorf).

Zwangsarbeit im Norden Berlins

Zur lokalen Wirtschafts- und Gewaltgeschichte gehört auch die Zwangsarbeit: In den Volta-Werken und im Propellerwerk Schwarz wurden Zwangsarbeiter:innen eingesetzt. Nicht weit entfernt, in Tegel-Süd am Krumpuhler Weg, befand sich zudem ein großes Zwangsarbeiterlager (1942–45, bis zu 1.500 Gefangene), das heute ein zentraler Gedenkort ist (Otto-Brenner-Stiftung 2003; Museum Reinickendorf – Krumpuhler Weg; Projekt „Zwangslager Berlin 1945“; Bildungsportal NS-Zwangsarbeit).

Aufarbeitung bis heute

Die Aufarbeitung dieser Zeit ist bis heute nicht abgeschlossen. Viele Quellen liegen verstreut in Archiven und Datenbanken – manches ist noch gar nicht entdeckt. Der QR-Walk versteht sich deshalb auch als Einladung, diese Geschichte weiter zu erforschen und zu ergänzen. Hinweise, Dokumente und Zeitzeugnisse sind willkommen (Mail an Mail@JadeTaenzler.de).

Heute

Waidmannslust lebt von beidem: dem Mut, Neues zu wagen – und der Verantwortung, Vergangenes nicht zu verdrängen. Der Ort ist geprägt von Gründergeist und Nachbarschaft, aber auch von Verlusten und Brüchen in der NS-Zeit. Der QR-Walk macht einen Ausschnitt seiner Geschichte sichtbar – und lädt dazu ein, Waidmannslust mit offenen Augen und neuem Blick zu entdecken.

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