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Tischlerei Schwarz
Zwischen Flugpionierleistung und NS-Zwangsarbeit
Zwischen Flugpionierleistung und NS-Zwangsarbeit
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Anfang mit Holz und Särgen
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Wer hätte gedacht, dass in Waidmannslust einst Fluggeschichte geschrieben wurde? Und zwar wortwörtlich: Mitten im Kiez entwickelten die Brüder Gustav und Otto Schwarz 1928 Propeller, die international gefragt waren – in Serie gefertigt hinterm Oraniendamm. Der Name des Unternehmens: Propellerwerk Gustav Schwarz.
Angefangen hatte alles ganz anders. Gustav Schwarz Senior war Tischler und betrieb seit 1882 in Mitte eine Sarg- und Möbeltischlerei. 1900 zog er samt Familie und Betrieb in den Norden – samt neuem Hobel- und Sägewerk. Seine Frau Anna kümmerte sich um die Beerdigungen. Doch die Söhne hatten andere Pläne.
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Propeller für den „Roten Baron“
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Im Ersten Weltkrieg erfand Otto Schwarz, fasziniert vom „Roten Baron“ Manfred von Richthofen, einen Propeller aus verleimtem Holz mit Metallkante. Dieser trieb unter anderem die Flugzeuge von Manfred von Richthofen an – dem später als legendär gefeierten „Roten Baron“. Bald lief die Serienproduktion. Das kleine Werk wurde zum Rüstungslieferanten.
Nach dem Ersten Weltkrieg war Schluss mit Propellern. Der Versailler Vertrag von 1919 verbot Deutschland nicht nur eine Luftwaffe, sondern untersagte zunächst auch den Bau ziviler Flugzeuge – aus Sorge der Siegermächte, die deutsche Luftfahrt könnte erneut militärisch genutzt werden. Das Unternehmen musste sich neu erfinden. Die Brüder fertigten nun unter dem Namen Gustav Schwarz GmbH Möbel, Grammophongehäuse und Kronleuchter. Doch sie forschten weiter. Mitte der 1920er Jahre fiel das Bauverbot für Zivilflugzeuge, ab 1928 meldete die Firma wieder Propellerpatente an.
Die Nachfrage an Propellern stieg – und Waidmannslust wurde international gefragter Propellerstandort. Japaner erwarben Lizenzen. Und Otto Schwarz’ Propeller kamen nun auch in das Zeppelin-Luftschiff und das legendäre Wasserflugzeug DO-X. Auch Flugpioniere wie Elly Beinhorn und Ernst Udet setzten auf Technik aus dem Norden Berlins.
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Rüstung und Zwangsarbeit
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In der NS-Zeit wuchs das Unternehmen massiv. Ab 1937 entstand der heute noch sichtbare Fabrikbau. In der Kriegsproduktion arbeiteten über 1.000 Menschen – darunter viele Frauen aus Tschechien, die zur Zwangsarbeit nach Berlin verschleppt wurden. Sie lebten in Baracken direkt auf dem Werkgelände, weitere Unterkünfte gab es in der Flora- und Düsterhauptstraße.
Zwangsarbeit war kein Randphänomen, sondern ein zentraler Bestandteil der NS-Kriegswirtschaft: Millionen Menschen aus ganz Europa wurden entrechtet, verschleppt und in deutschen Betrieben eingesetzt. Auch die Geschichte dieses Standorts ist damit Teil dieser systematischen Ausbeutung – ein düsteres Kapitel, das bis heute nachwirkt.
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Nach dem Krieg: Möbel statt Propeller
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Nach Kriegsende ließ die sowjetische Besatzungsmacht den gesamten Maschinenpark der Waidmannsluster Propellerwerke abtransportieren. In die leeren Werkshallen zogen nun andere ein: Das Amtsblatt von 1947 belegt, dass in den früheren Schwarz-Baracken ein Umsiedlerlager für Vertriebene aus den deutschen Ostgebieten eingerichtet wurde.
Und Gustav Schwarz? Startete neu. Mit Kinderollern aus Holz und Puppenmöbeln, später baute er Schlafzimmermöbel für die US-Armee. Anfang der 1950er wurde sogar ein Paddelboot in Leichtbauweise produziert. Die ausgebombten Gebäudeteile wurden wieder aufgebaut, ab 1956 entstand das moderne Verkaufshaus Möbel-Schwarz. 1994 brannte es ab, wurde aber wieder eröffnet – und schließlich 2008 geschlossen.
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„Nord-Berliner“ gedruckt
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Parallel zog 1949 die Druckerei Möller ins Gebäude, berühmt für die Zeitung „Nord-Berliner“. In Spitzenzeiten wurden hier 30 Tonnen Papier pro Tag bedruckt. Nach 2000 wurde auch dieser Betrieb verkauft und verabschiedete sich schrittweise aus dem Kiez.
Heute? Bio-Markt, Drogerie, Küchenstudio und ein ALDI. Das Industrieerbe und die bewegte Geschichte dieses Ortes ist fast unsichtbar – aber beides hat diesen Ort geprägt.
