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Volta-Werke
Erst Petroleumlicht, dann Hochspannung – und heute Jazz
Erst Petroleumlicht, dann Hochspannung – und heute Jazz
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Lampen für Russland, Schulraum für Waidmannslust
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Petroleumlampen für Russland, Kleinwagen mit Zweitaktknatter und eine Werkslok namens Tante Molly – das Gelände der früheren Lampenfabrik Budweg und der Volta-Werke ist einer der spannendsten Industrieorte im Berliner Norden.
Der Berliner Fabrikant Gustav Budweg ließ 1888 an der Ecke Oraniendamm/Waidmannsluster Damm eine Lampenfabrik errichten – samt Fabrikhalle, Wohnhäusern, Pferdestall und Kantine. Produziert wurden elegante Decken-, Tisch- und Handlampen auf Petroleumbasis – viele davon gingen in den Export nach Russland.
Budweg förderte die Entstehung von Waidmannslust. 1892 stellte er einen Raum seiner Kantine als erstes Klassenzimmer für die Kinder von Waidmannslust zur Verfügung. 1896 übernahm die evangelische Gemeinde denselben Raum als Betsaal – die erste Kirche des Ortsteils.
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Nach Budwegs Tod 1900 geriet die Lampenproduktion zunehmend unter Druck. Gas- und Strombeleuchtung verdrängten das Petroleumlicht – und mit dem Ersten Weltkrieg brachen auch die Handelsbeziehungen nach Russland ab. 1914 wurde die Lampenfertigung eingestellt.
Die Erben, vertreten durch Ingenieur Erich Budweg, suchten einen Käufer.
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Willkommen, Volta-Werke
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Ab den 1920er-Jahren bauten die Volta-Werke das Gelände kontinuierlich aus. Rund 150 Mitarbeitende produzierten Elektromotoren, Schaltanlagen und Transformatoren – und nebenbei fast 100 kleine „Martinette“-Fahrzeuge: kompakte, sportlich designte Zweitaktwagen mit eigenem Patent. Ein Berliner Kleinwagen der 20er-Jahre, fast vergessen – aber einst tatsächlich hier gebaut.
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Krieg und Zerstörung
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Ab 1940 arbeiteten über 400 Personen bei Volta, die Transformatoren wurden in ganz Deutschland eingesetzt. Die NS-Zeit brachte Zwangsarbeit: Ukrainische Frauen wurden in Baracken direkt neben der S-Bahn untergebracht. Im Krieg wurde ein Drittel der Anlage zerstört, 1945 demontierte die sowjetische Besatzungsmacht das restliche Material.
Die Industrie spielte im Nationalsozialismus eine zentrale Rolle. Viele Betriebe produzierten für die Kriegswirtschaft, profitierten von Rüstungsaufträgen und setzten Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter ein. Auch im Berliner Norden zeigt sich, wie eng unternehmerische Interessen mit der Kriegswirtschaft des Nationalsozialismus verflochten waren. Die Geschichte der Volta-Werke steht exemplarisch für diese Verbindungen – und macht deutlich, dass Industriegeschichte in dieser Zeit immer auch Gewalt- und Herrschaftsgeschichte war.
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Wiederaufbau mit Gemüsebeet
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Acht Arbeiter begannen 1945 mit dem Wiederaufbau, nutzten übrig gebliebene Maschinenreste und Material aus der Umgebung. Auf der Gerätemesse des Bezirksamts Reinickendorf präsentierten sie schon im Oktober erste Transformatoren für Schweißgeräte, später auch Netztrafos bis 30 kVA. Weil Bargeld wertlos war, wurde gegen Lebensmittel getauscht. Und auf dem Werksgelände wuchsen bald Gemüsebeete mit Tomaten, Kohl, Zwiebeln – zur Versorgung der Mitarbeitenden über Bezugskarten.
In den 1950er- und 60er-Jahren wuchs das Werk rasant. Volta stellte nun Großtransformatoren mit bis zu 160.000 kVA Leistung her. Viele davon gingen an Elektrizitätswerke und Industriebetriebe, auch international ins Ausland.
Besonders stolz war man auf eine Zahl: Zwei Drittel der Transformatorenleistung im damaligen West-Berlin stammte von hier – für die Stromversorgung durch die BEWAG.
Die Trafos wurden so groß, dass sie nur per Bahn transportiert werden konnten. Also ließ sich Volta ein Gleis legen – und bestellte 1964 eine eigene Werkslok, eine Akkulok aus Gelsenkirchen, liebevoll „Tante Molly“ genannt.
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Vom Strom zum Swing
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1987 wurde das Werk geschlossen. Was blieb, war ein beeindruckendes Ensemble aus Industriearchitektur – heute als „Voltapark“ bekannt. In den denkmalgeschützten Hallen haben sich kleine Betriebe, ein OBI-Markt, ein Jazzclub („Loci Loft“) und ein Grillkiosk angesiedelt. Sogar Gabelstaplerscheine und Musikunterricht wurden hier ver- und gegeben.
Manche Gebäude erzählen noch vom Petroleum, andere von Tante Molly. Die steht heute nicht mehr im Hof – aber ein paar Schienen erzählen noch von ihr.
